Bebauungsplan 7-68 (ehem. Güterbahnhof Wilmersdorf)

Baustelle!

Jede Entscheidung neoliberaler Politik setzt die lobbyistische Einflussnahme voraus.

Jede Entscheidung der Verwaltung trägt die Vermutung ihrer Unrichtigkeit in sich.


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Bernhard Nürnberger / Perelsplatz 10 / 12159 Berlin

Berlin 13. April 2016

An die Abteilung Gesundheit, Soziales, Stadtentwicklung

Stadtentwicklungsamt Fachbereich Stadtplanung

betr.: Einwendung zum Bebauungsplanentwurf 7-68

Sehr geehrte Frau Laatunen-Thiel,

zum Bebauungsplanentwurf 7-68 nehme ich wie folgt Stellung und bitte meine Einwendungen bei der anschließende Abwägung der öffentlichen und privaten Belange gegeneinander und untereinander mit einzubeziehen. Meine Einwendungen erfolgen während der Auslegungsfrist vom 14.03.2016 bis einschließlich 15.04.2016.

Grundsätzliches

Ich habe 2013 in der weiter unten genannten Bürgerinitiative AG „Güterbahnhof“ mitgearbeitet und bin zu dem Ergebnis gekommen, das Areal für denkbar ungeeignet für einen Stadtpark oder eine Wohnbebauung zu halten. In dieser Meinung bin ich nach der Durchsicht der Bebauungs-planungsentwurfs noch bestätigt. Temporäre Nutzungen, wie etwa die Obdachlosenunterkunft der Stadtmission halte ich für besser, oder Projekte für Jugendliche. Ich empfehle der BVV den Entwurf abzulehnen zu Gunsten eine Moratoriums von mindestens 5 Jahren. Die fortgeschrittene Diskussion über den Wohnungsbedarf für Menschen mit geringen Einkommen zeigt auch unter dem Eindruck des Zuzuges von Kriegsflüchtlingen u. a. nach Friedenau, dass der sogenannte „freie Markt“ nicht in der Lage ist, bezahlbaren Wohnraum im notwendigen Maß zu schaffen. Die neoliberalen Marktmechanismen stehen dem vielmehr im Wege. Die Landespolitik Berlins muss umsteuern und das Bezirksparlamente ist gefragt, sich von den Vorgaben der Landesregierung nicht unter Druck setzen zu lassen, sondern dagegen ein Zeichen zu setzen. Das Volksbegehren zum Tempelhofer Feld sollte zu denken geben. Die Argument, es werden doch Wohnungen gebraucht, klingt gut, ist jedoch zu einfach. Dennoch stelle ich Überlegungen zu Details des Entwurfs an, da ich der Meinung bin, dass es sinnvoll und notwendig ist Friedenau weiterzubauen (siehe dazu unten: Friedenauer Präambel).

Zur Sache:

1. Stadtklimatische Situation

Die Schlussfolgerung „Da keine erheblichen Auswirkungen zu erwarten sind, bestehen gegen die Umsetzung des B-Plans 7-68 aus klimatischer Sicht keine Bedenken,“ ist für mich nicht nachvollziehbar. Das Bauvorhaben stellt m. E. einen erheblichen Eingriff in das örtliche Stadtklima dar. Obwohl Daten über Struktur und Baumassen des Vorhabens vorliegen, gibt es keine hochgerechnete Prognose. Die sehr hohe Wand nach Norden hin wird die Windsströmungen und die Bodentemperaturen verändern. Die topografische Ost-West-Ausrichtung und die erhöhte Lage begünstigen eine starke Temperaturaufladung in der Siedlung. Die eng errechneten Grünflächen im Inneren sind zum Teil kleiner als die Straßenräume südlich des Baugebietes, bzw. sie gehen nur wenig darüber hinaus, so dass sie wahrscheinlich nicht geeignet sind einen Abkühlungseffekt zu produzieren. Nicht berücksichtigt ist der große Neubau der Firma Projekt-Immobilien an der Wexstraße /Kufsteinerstraße in Blockgröße mit 7 Geschossen, der einen Riegel bildet und die kühlen Luftströme aus dem Volkspark blockieren wird. Die derzeitigen Temperaturen im Stadtautobahn- und S-Bahnbereich, im Planentwurfsgebiet und im Gebiet südlich davon werden sich erhöhen. „Das Plangebiet befindet sich gerade noch im Einwirkungsbereich von nächtlicher Kaltluft, hat aber keine Funktion als Kaltluftentstehungsgebiet oder –leitbahn,“ heißt es. Es ist prognostisch zu prüfen, ob der genannte Neubau in der Wexstraße und die Lange Wand das „gerade noch“ in ein „nicht mehr“ wendet. (Außerdem gibt es einen neuen Interessenkonflikt: Schallreflexion der Langen Wand auf die Bauten in der Wexstraße.) Ich lese: „Wenngleich davon auszugehen ist, dass sich aus den zusätzlichen Baumassen eine Zunahme der bodennahen Lufttemperatur ergeben wird, werden auf Grund der Nähe zu thermisch entlastenden Strukturen wie dem Gleisareal und dem Volkspark Wilmersdorf die klimaökologischen Auswirkungen als vertretbar angesehen, erhebliche Auswirkungen sind durch die Planungen nicht zu erwarten.“ Die letztendlich rechtliche Haltbarkeit dieser Erwartung stelle ich in Frage. Die Einschränkung der Durchlüftung ließe sich durch eine Änderung des Entwurfs ggf. mindern. Selbstverständlich sind meine Einschätzungen mutmaßlich, jedoch halte ich sie für begründet genug um eine fachlich qualifizierte Prognose eine unabhängigen Gutachters für die Abwägung zu verlangen. Die „Planungshinweise“ zur „Verringerung der Wärmebelastung im Siedlungsraum“ sind m. E. für umsonst, da „eine Fassadenbegrünung nur an dem nördlichen Gebäuderiegel in den Zwischenräumen mit Schallschutzelementen möglich“ erscheint. Zudem liegen die Grünflächen auf der Dammaufschüttung deutlich über dem Friedenauer Grundniveau, was das Wachstum junger Bäumen erschwert, ebenso wie die Tiefgaragen. Der Altbestand an Bäumen ist, wie beschrieben, überwiegend hinfällig, und es naturgemäß also nicht so leicht zu einer „hohen Grünausstattung“ - wie üppig in den fiktiven Bildern dargestellt – kommen wird. „Ein ausreichendes Wasserangebot für die Vegetation“ wäre, wie im Textbaustein zutreffend genannt, die Voraussetzung. Das Sollziel „möglichst vielgestaltige „Klimaoasen“ zu schaffen, welche ein abwechslungsreiches Angebot für die unterschiedliche Nutzungsansprüche der Menschen (z.B. windoffene und windgeschützte Bereiche, offene „Sonnenwiesen“, beschattete Bereiche) darstellen“, kann nicht erreicht werden. Die hohen baulichen Abriegelungen nach Norden und nach Westen hin verhindern mit Sicherheit die notwendige Winddurchströmung. Dass sie die Luftverschmutzung im Vorhabengebiet mindern und zugleich die Durchlüftung ermöglichen, ist nicht logisch. Die „Wärmebelastung (wird ohnehin) in den nächsten Jahren noch zunehmen (Karten 01 und 02)“, Gründächer auf den 5-7 geschossigen Gebäuden haben keinen nennenswerten positiven Temperatureffekt auf der untersten Schicht der Stadtatmosphäre (= Aufenthaltsbereich des Menschen). Zudem liegt das Gebiet 4-6 Meter über dem friedenauer Grundniveau. Des Nachts wird die temperatur in bescheidenm Maß absinken. Die morgendliche Lufttemperatur wird eher im gelben Bereich von 17 – 18 Grad liegen, wenn nicht darüber. Das hoch liegende Baugebiet ist länglich nach Süden gerichtet, nach Nord und West sehr hoch abgeschottet, das Sonneneinstrahlung also sehr stark ausgesetzt. Anmerkung: Vermutlich wird die Siedlung den Namen „Friedenauer feine Staub- und Backstube“ verdienen; vom Kauf einer Eigentumswohnung dort rate ich ab.

(Ich weiß, wovon ich schreibe. Meine Wohnung am Perelsplatz / Ecke Handjerystraße im Dachgeschoss (5. Geschoss) – mit Nord-Süd-Querlüftung! – unter einem gut gepflegten, d.h. bewässerten Gründach mit dicker Substratauflage ist in den Sommermonaten regelmäßig überhitzt, auch des nachts, und damit von geminderter Wohnqualität. Und dies, obwohl die Wohnung direkt an der Parkanlage Perelsplatz liegt und der Innenhof bis 2016 einen üppigen Efeubewuchs an der Süd- und Ostwänden besaß.)

2. Parkanlagen, Erschließungen

Die „öffentlichen Parkanlagen“ sind in ihrer Anmutung m. E. Straßenkorridoren (Vergleich: Hähnelstraße) näher als „Stadtplätzen“ oder „Parkanlagen“ und dadurch von minderer Aufenthaltsqualität, insbesondere für Nichtbewohner. Daran ändern auch die amtlich korrekten Begriffe nichts. Die öffentlich genannten Räume signalisieren eher Privatheit als Öffentlichkeit. Dies wird durch das Fehlen einer einfachen und erkennbaren Durchquerungsmöglichkeit verstärkt. Eine Durchquerung von Nichtanwohnern erscheint als unerwünscht. Der Friedenauer Flaneur, Hundehalter oder Radfahrer wird außerhalb am Hang vorbei geleitet und darf durch die Ruderalvegetation der „naturnahe Parkanlage“ in die Hinterngärten der Bennigsenstraße gucken. Die Wege im zentralen Bereich sind gefühlte Privatwege, sie dienen der Erschließung der Wohnbauten. Die Siedlung hat im Vergleich mit den Ceciliengärten einen noch privateren Charakter (auch weil die Autos fehlen!), sie wirkt eher exklusiv, Öffentlichkeit ausschließend.

3. Radweg

Den Radweg halte ich für politisch korrekt daherkommenden grün-ökologischen Schwindel. Wer strampelt den Hügel hoch, wenn es bequemer durch die verkehrsarme Bennigsenstraße geht. Ist er überhaupt eingebunden in das Schöneberger Radwegenetz? Gibt es einen Bedarf dafür? Er scheint mir eher für gebaute „grüne“ Symbolpolitik zu stehen. Schade um das historische Pflaster, das dafür weichen muss! Außer dem Denkmalssolitär Kleinumspannwerk bleibt nichts von der Geschichte des Ortes erhalten. Vielleicht ist es aber sinnvoller die Pflasterstraße aufzuheben und die Bauten entsprechend weiter nach Süd zu schieben. Das ermöglicht ggf. eine klimafreundlichere Vergrößerung der nicht versiegelten Flächen zwischen den Bauten und eine Durchquerung der Siedlung auf einer breiteren Promenade und macht den Raum öffentlicher.

4. Lange Wand

Die Stellungnahme des Baukollegiums lese ich so: Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten. Ein Fremdkörper im Stadtbild. „Die eigentümliche städtebauliche und stadträumliche Erscheinungsform Friedenaus bildet die wesentlichen Voraussetzungen für die Unterschutzstellung dieses Gebietes,“ heißt es in der Begründung der Erhaltungsverordnung (1986) für den Bereich Friedenau. Hat das eine Bedeutung? Offenbar gelten heute die selben Verwertungsgesetze wie in der Kaiserzeit, als die Bodenspekulation die „Grüne Lunge“ der Reichshauptstadt (Carstenn) zu Schanden verdichtete. Mir fallen dazu Giorgios de Chiricos metaphysische Albtraumbilder ein oder (höflich ausgedrückt) die neoklassizistische Rapportarchitektur von Prora. Aufgesetzte Kunstwerke heilen nicht.

5. Freiflächenbedarf

Die Siedlung produziert eine größeren Bedarf tatsächlich nutzbarer Flächen als sie selbst decken kann. „Die nächstgelegene öffentliche Grünanlage ist der Perelsplatz, der sich etwa 80 m südlich des Plangebietes befindet, sowie der nördlich der Bahn und der Autobahn verlaufende Grünzug des Volksparks Wilmersdorf.“ Beide sind für jeden Bürger sichtbar erheblich überbeansprucht. Es fehlen in der Nähe vor allem Möglichkeiten für Jugendliche sich zu treffen, ohne dass andere sich belästigt fühlen. Der Bedarf besteht speziell für Schüler der Bergius-Schule. 6. Treppe an der Lauterstraße Die Treppenanlage könnte ein attraktives, neues Stück Friedenau werden. Aber wozu dient die Treppe, wohin führt sie? Lädt sie zum Verweilen ein? In der Planung führt sie in eine privatisierte community. Es fehlt die Einladung zu einem „Stadtplatz“ mit Verweilqualität für alle. Friedenau bekommt kein Kind, es gibt keinen Nachwuchs für Friedenau, Friedenau bekommt einen Trabanten.

7. Verdichtung Stichworte:

Halbierung der Wohnflächen, nicht mehr als 5 Geschosse wegen der Höhenlage.

8. Gentrifizierung und Rendite Das Bauvorhaben gibt Friedenau einen deutlichen Gentrifizierungsschub, den auch die 25% geförderte Kleinwohnungen wenig abmildern. Ich sehe dies als kaum vereinbar mit dem deklarierten politischen Ziel, Gentrifizierungstendenzen, die „der Markt“ hervorbringt einzudämmen. Die geförderten Wohnungen sind Almosen des Investors. Umgekehrt wäre angemessen, was jedoch hieße in der Landespolitik die Weichen zugunsten eines marktunabhängigen Wohnungsbaues umzustellen. Die BöPlan 32. Grundbesitz GmbH ist nicht zu schelten, sie verfolgt ihre Interessen, wie es sich gehört. Sie kann hier kaum mit einem Image- und Akzeptanzgewinn rechnen, wohl aber mit einer Rendite. Ganz normal, wenn die Finanzindustrie gebeten wird, z. B. den Wohnungsbedarf als „unbeabsichtigte Nebenwirkung wettbewerblicher Profitmaximierung zum Zweck privater Kapitalakkumulation“ (W. Streeck) zu sichern. Für die BöPlan 32 - Grundbesitz GmbH sind die Nebenwirkungen, ob Erstellung von Gewerbebauten oder von Wohnbauten gleichgültig. _______________________________________________________

Zusammenfassung:

1. Moratoriumsforderung

2. Die Planung sollte wegen der Klimasituation überprüft werden, neue Fakten.

3. Die privaten und die öffentlichen Bereiche innerhalb der Siedlung sollten besser erfahrbar gemacht werden, die Wohnbauten sollten deutlich reduziert werden um die Verdichtung zu mindern und Flächen zu schaffen, die den Namen „urbane Räume“ verdienen. Die Planung sollte so geändert werden, dass eine wirkliche Erweiterung Friedenaus zustande kommt, die stadträumlich eingebunden ist und dazu einlädt „erlebt“ zu werden. Hierbei komme ich auf große Teile der Stellungnahme - zur Nachnutzung des Wilmersdorfer Güterbahnhofs der AG „Güterbahnhof“, bestehend aus BI-Breslauer-Platz und BI-Bundesplatz und Teilnehmern der so genannten Werkstattgespräche (Stand 13. 2. 2013) zurück, die leider keinen Eingang in den zu Unrecht so genannten Konsensplan gefunden und die Werkstattgespräche letztlich zu einer Farce gemacht hat.

Zur Erinnerung:

(Hervorhebungen in rot von mir.) Friedenauer Präambel - Friedenau weiterbauen

Der Planungsauftrag aus beiden Planwerkstatt-Gesprächen hat vorgegeben, sich bei den Entwürfen an die Friedenauer Bestandsbebauung anzuschließen. Das ist stadtplanerisch und raumästhetisch sinnvoll. Denn Friedenau ist ein Erfolgsmodell. Eines der wenigen in Berlin. Hier fühlen sich die Menschen so wohl wie an kaum einem anderen Ort der Stadt. Das hat viele Gründe. Einer davon ist eine sehr ausgewogene Bebauung. Der Friedenauer Maßstab: Friedenau besteht zum überwiegenden Teil aus Häusern mit 10 bis 20 Parteien. Werden die Häuser zu groß, verlieren die Nachbarn den Überblick. Man kennt sich nicht mehr untereinander. Mancher mag diese Anonymität mögen. Warum auch nicht. „Friedenau weiterbauen“ heißt dies zu beachten. Eine Friedenauer Parzelle von ca. 20 bis 25 m Breite ist optimal für Baugruppen, funktionierende Eigentümergemeinschaften oder private Hausverwaltungen. Große Parzellen und große Häuser richten sich eher an große, anonyme Investoren. Die Friedenauer Straßen: Straßenräume, etwa 25 m breit, prägen unser Viertel. Breit genug für kleine Vorgärten, schmal genug, um die Straße als solche erkennbar zu gestalten. Jedes Haus steht hier an der Straße. Die Straßen sind eine Aneinanderreihung vieler, oft einzigartig schön gestalteter Eingänge - Adressen, die man sofort findet. Bei den hier vorgestellten Entwürfen denkt offensichtlich keiner der Architekten an solche Straßen. Stattdessen werden die Häuser ziemlich beliebig in einen „Park“ eingestreut. Hat sich einer der Architekten Gedanken gemacht, wie man einem Gast seine Adresse in einem solchen „Park“ beschreiben soll? „Lass‘ Dich doch am Insi rauswerfen, dann kommst Du rechts zu so einem Park, den ersten Weg gleich rechts hoch, nach dreihundert Meter halb links, dann scharf rechts, nach weiteren 50 Meter - da ist so ein Haus, geh‘ einmal rum, dann findest Du vielleicht die Tür - Am Güterbahnhof 132d... Wie, das findest Du nicht...?“ Selbstverständlich braucht das Wohnquartier auch eine „innere Straße“. Nicht nur Feuerwehr und Krankenwagen benötigen an die Häuser, auch die vorgesehenen Sonderwohnformen benötigen Fahrdienste, die nicht durch eine Tiefgarage angefahren kommen. Park oder Privates Grün ?....oder Beides ? Ein Park an einem Sommertag ist wunderbar. Aber jeder weiß, dass Parks und andere undefinierte Freiräume selbst bei uns in Friedenau für viele Menschen vor allem bei Dunkelheit auch unangenehme „Angst-Räume“ sein können. Orientierungslosigkeit macht Angst. Die Friedenauer Straße mit ihren Gaslaternen bietet Sicherheit und Behaglichkeit. Auf die Wiese gestreute Wohnhäuser sind das ausrangierte Muster eines Städtebaus der 1960er Jahre. Hakenfelde, Hellersdorf oder München-Neuperlach. In ganz Deutschland ist kein einziges behagliches Wohnquartier bekannt, das nach diesem Schema aufgebaut wurde. Auf jeden Fall wäre ein solcher Wohnpark, das „Restgrün“ zwischen den Häusern nicht für die Friedenauer, sondern lediglich die Kulisse für die Parkbewohner. Oder glaubt jemand, dass dort Kinder spielen dürfen (siehe Hansa-Viertel) ? Die Friedenauer Plätze : Friedenau ist berühmt für seine Schmuckplätze wie den Cosima- oder Réné-Sintenis-Platz. Die sind Mitte des 19. Jahrhunderts durch Herrn Carstenn angelegt worden. Der war übrigens wie Herr Böge ein Hamburger Kaufmann. Möge diese gute Tradition noch zum Ansporn für den Investor werden. Plätze und Straßen sind die Salons der Stadt und ihrer Bewohner. Wer daher den Häusern neben Straßen auch Plätze baut, gibt der Öffentlichkeit Ihren erforderlichen Raum. Wer dagegen seine Häuser über die Wiese verstreut, verdrängt die Menschen aus dem öffentlichen Raum. Plätze sind keine Restflächen zwischen Wohnskulpturen, sondern von Fassaden eingefasste Stadträume. Wer sich ein Bild von solchen zerfaserten Restflächen machen möchte, nehme den „148er“ und fahre zum sogenannten Kulturforum am Potsdamer Platz. Dort hält sich niemand gerne auf. Die Friedenauer Traufkante: Die teils vorgeschlagenen hohen Punkt-Häuser fügen sich nicht nur nicht in das Stadtbild ein, sondern sind zudem auch teuer. Außerdem sind sie dem Schall zusätzlich exponiert. Jeder Architekt weiß, dass Häuser über 22 m Höhe von der Bauordnung als „Hochhäuser“ eingestuft werden. Dies erfordert zusätzliche Maßnahmen, die sehr, sehr teuer sind: zusätzliche Aufzüge und Treppenhäuser, Löschtechnik und besondere Flure. Diese Flure zerschneiden das Haus und schaffen in der Regel kleine, teure Apartments, von denen zumeist nur zu einer Seite rausgeschaut werden kann. Es ist fraglich, ob sich solch teure Wohnungen als Bauteil einer Lärmschutzwand unmittelbar am Bahndamm mit Aussicht über die Stadtautobahn verkaufen oder vermieten lassen. Fazit: Die vorliegenden Entwürfe sind also keinesfalls „gelungene, moderne Interpretationen“ des Friedenauer Städtebaus. Sie ignorieren in größtmöglicher Weise das historische Vorbild und damit die nachbarlichen Interessen. Stattdessen werden hier vielleicht spektakuläre, aber völlig ortsfremde Formen kreiert, die der Gefahr einer nachbarschaftsfeindlichen Inselbildung, die durch die exponierte Lage ohnehin schon sehr groß ist, nur noch Vorschub leisten. Eine behutsame Ergänzung in gewohnter Weise mag eventuell nicht so Verwaltung auf Kosten der Bewohner ein Denkmal setzen wollen? Davon haben wir leider schon genug in Berlin. Die vorgestellten Entwürfe mögen spektakulär sein, wie es sich vielleicht ein Büro Libeskind wünscht, wäre aber sicherlich eher im Sinne der Friedenauer. Es müsste eigentlich sogar für den Investor von Interesse sein, mit einer entsprechenden Gestaltung von dem exklusiven Geist Friedenaus zu profitieren. (...) Die Entwürfe ignorieren die Leitlinie „Friedenau weiterbauen“ und stecken voller handwerklicher Fehler, die am Ende den Erfolg des Vorhabens gefährden. Bäume auf Brücken oder Licht-Löcher in Wiesen für (Ball-) spielende Kinder sind schon sehr, sehr erstaunlich. Sie sind jedenfalls keine Basis für einen Konsensplan.

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Im Anhang finden sich einige Bilder, die meine Einwendungen und Überlegungen illustrieren. Mit freundlichem Gruß Bernhard Nürnberger

ps.: in den nächsten Tagen werde ich meine Einwendung ins Netz stellen, um sie einem größeren Kreis Interessierter zugänglich zu machen.

voraussichtlicher link: http://www.kunstkammer-friedenau.de/Gueterbahnhof/b.plan7-68.moratorium.htm

(persönlich in Papierform im Amt übergeben am 14. 4. 2016